Die Johannesbriefe

Klare Botschaft und unklare Umstände – so lässt sich das Erscheinungsbild der Johannesbriefe griffig umschreiben. Es handelt sich um drei Schreiben, von denen nur das erste so lang ist, dass eine Kapitelunterteilung notwendig wurde. Jenes ist auch eher ein Positionspapier, eine Art Mahnschreiben an die Gläubigen. Ihm fehlt die antike Form des Briefaufbaus. Es gibt keine einleitende Grußformel und auch keinen formellen Schluss. Die beiden anderen Schreiben hingegen sind in dieser Hinsicht klar als Briefe erkennbar.

Inhaltlich befassen sich alle drei Briefe mit den großen Themen des Johannes: Gemeinschaft, Wahrheit, Liebe, Erlösung sowie die Beziehung Gott-Christus. Diese Aussagen sind in allen Johannesbriefen offensichtlich wichtiger als der Autor. Die Johannesbriefe ähneln somit dem Johannes-Evangelium. Beide verbindet in dieser Hinsicht noch etwas: Es ist keineswegs sicher, ob sie tatsächlich vom Apostel Johannes geschrieben wurden!

Das Rätsel um den Autor

Es gibt tatsächlich keinen namentlichen Hinweis auf die Verfasserschaft. Lediglich der väterliche bis herzliche Schreibstil, welcher eine Aura von Weisheit und Lebenserfahrung vermittelt, beweist in Sprachgestaltung und Thematik eine deutliche Nähe zwischen den Briefen und dem Johannes-Evangelium. Damit wäre eine Verbindung untereinander gegeben, die jedoch immer noch keinen Bezug zu einem bestimmten Verfasser aufweist.

Bibelwissenschaftler wollen bisweilen aus dem sprachlichen Aufbau zumindest eine semitische Denkweise herausgelesen haben. Daraus entstand die Theorie einer johanneischen Denkschule, was die stilistische Übereinstimmung der Texte erklären würde. Demnach könnten verschiedene Verfasser für das Johannes-Evangelium und die jeweiligen Johannesbriefe möglich sein.

Allerdings wird indirekt in zweiten und dritten Brief ein Absender genannt: der Älteste. Geht man also davon aus, dass es sich um das Werk einer johanneischen Denkschule handelt, stellt sich die Frage, wer wohl deren Ältester (also deren Leiter) war: Naheliegend wäre jetzt wiederum Johannes selbst.

Diesen argumentativen Umweg kann man allerdings auch vermeiden, wenn man stilistische Parallelen zum Buch Offenbarung beachtet. Dort ist Johannes als Verfasser namentlich genannt. Fazit: Die Verfasserschaft der Johannesbriefe lässt sich nicht eindeutig beweisen. Doch es sprechen einige Indizien dafür, dass tatsächlich der Apostel Johannes diese Briefe geschrieben hat.

 Das Rätsel um die Adressaten

Die Johannesbriefe gehören nicht nur zu den Briefen, deren Verfasserschaft unklar bleibt. Sie gehören auch zum Kreis der so genannten katholischen Briefe. Katholisch hat in diesem Fall nichts mit einer bestimmten Konfession zu tun, sondern ist schlichtweg die Übersetzung für allgemein (griech. Katholikos). Damit wird ausgedrückt, dass es keinen speziellen Empfänger gibt. Diese Briefe waren vermutlich eher als Rundschreiben konzipiert. Im ersten Johannesbrief lässt sich dies noch bejahen. Die beiden anderen Schreiben jedoch scheinen im Widerspruch dazu zu stehen:

  • Adressaten im zweiten Johannesbrief sind eine „auserwählte Herrin und ihre Kinder“, womit dies der einzige an eine Frau gerichtete Brief der Bibel wäre. Hier geht man allerdings davon aus, dass es sich (unter anderem aufgrund des Attributs auserwählt) um ein Synonym für die jeweilige Ortsgemeinde handelt. Zudem spricht ungefähr die Hälfte des Briefes eine personelle Mehrzahl an.  
  • Schwieriger wird es hingegen beim dritten Johannesbrief. Ein Empfänger ist direkt benannt. Er wird mit Gajus angesprochen. Da dies ein weit verbreiteter Name war, kann zu seiner Person nichts weiter gesagt werden. Ob er mit dem im Römerbrief erwähnten Gastgeber des Paulus identisch ist, bleibt offen. Trotz dieser Personalisierung kann der dritte Johannesbrief dennoch als öffentlicher Brief gewertet werden. Der Empfänger sowie eine weitere Person werden immerhin gelobt. Ein anderes wichtiges Gemeindeglied hingegen wird getadelt. Warum also sollte der Absender etwas an den Empfänger schreiben, was beiden bereits bekannt ist? Die beiden anderen Genannten hätte der Absender ja ebenso direkt loben bzw. tadeln können. Denkbar ist daher, dass es sich eher um ein öffentliches Unterstützungsschreiben für die Sache des Gajus handelt.
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