Die jüdisch-christliche Sozialordnung der Bibel

Betrachtet man die Wahlwerbung verschiedener Parteien einmal bewusst naiv, so fällt auf, dass im Prinzip alle politischen Richtungen scheinbar das gleiche Ziel fordern: soziale Gerechtigkeit. Die „Partei der Besserverdienenden“ geht mit dem Thema ebenso auf Stimmenfang wie Rechtsradikale oder das linke Spektrum.

Aus bitterer Erfahrung weiß der Wähler allerdings um den Wahrheitsgehalt solcher Parolen, denn soziale Veränderungen werden meist nur im Sinne des jeweiligen Klientels angestrebt. Es scheint daher nahezu unmöglich, eine von allen als gerecht empfundene Sozialordnung zu erstellen. Die zentrale Frage lautet also: Was ist Soziale Gerechtigkeit eigentlich?

Ist es beispielsweise gerecht, alle Bürger gleich hoch zu besteuern, oder besteht die Gerechtigkeit doch eher darin, den Reichen größere Lasten aufzubürden? Philosophen, Politikwissenschaftler und Journalisten haben versucht, diese und ähnliche Fragen zu beantworten. Eine wirklich zufriedenstellende Lösung des Problems fehlt bisher dennoch.

Die Bibel: ein Sozialgesetzbuch?

In den großen Weltreligionen findet man natürlich ebenfalls Ideen für ein gerechtes und friedliches Miteinander. Auch die christliche Bibel äußerst sich dazu mehrfach in zum Teil überraschender Weise. Während das Neue Testament vor allem liebevolles und faires Verhalten predigt, kennt das auch von den Juden anerkannte Alte Testament eine ganze Reihe göttlicher Gesetze, welche eine regelrechte Sozialordnung darstellen.

Die Sozialordnung des Alten Testaments

Die meisten sozialen Gesetze des Alten Testaments finden sich in den Mose-Büchern. Ursprünglich waren sie dazu bestimmt, das Zusammenleben des befreiten Volkes Israel nach der Wüstenwanderung zu gestalten. Detailgetreu werden unter anderem Themen reguliert, welche auch heute noch große Bedeutung besitzen: Unfallverhütung, Haftpflicht, Tierschutz und Gesundheitsvorsorge.

Das 19. Kapitel des 3. Mose-Buches wiederum legt einen hilfsbereiten und respektvollen Umgang mit behinderten oder alten Menschen fest. Auch die tatsächliche Integration eines Fremdlings wird deutlich angemahnt: „...den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer...“ (3.Mose 19, 33-34). Eine Aussage, welche beide Seiten verpflichtet. Den Einheimischen zur Freundlichkeit gegen Ausländer, den Fremdling wiederum zur kulturellen Integration in seine neue Heimat.

Hartz IV in biblischer Zeit? Nicht nötig!

Armut und Arbeitslosigkeit gab es natürlich auch bei den Israeliten. Anders als heute, ersparte man sich allerdings die Debatte darüber, ob ein Arbeitsloser vorzugsweise als Systemopfer oder doch lieber als fauler Sozialschmarotzer zu betrachten sei. Stattdessen legte Gott ein klares Verbot der landwirtschaftlichen Nachlese vor: Felder und Weinberge durften niemals bis zum Letzten abgeerntet werden. Ein verarmter Mitmensch hatte somit die Möglichkeit, ohne würdelose Bettelei für seine Nahrung selbst zu sorgen. Zusätzlich sollte in jedem siebenten Jahr der Acker völlig unbestellt bleiben. Sozialschwache konnten dann ebenfalls die wild wachsenden Feldfrüchte abernten. Für die Befolgung dieses Gebotes versprach Gott reichliche Ernte in den übrigen Jahren. Dies traf auch ein, denn bekanntlich nehmen brach liegende Ackerflächen an Fruchtbarkeit zu... (2. Mose 23 / 3. Mose 19 / 3. Mose 23 u. a.)

Biblische Restschuldbefreiung

Auch Verschuldete konnten im alttestamentlichen Israel auf Besserung ihrer Lage hoffen. Jedes siebente Jahr galt als sogenanntes Sabbatjahr, in welchem Restschulden gelöscht und Sklaven freigelassen wurden. Somit war wirtschaftlich niemand von dauerhafter Abhängigkeit bedroht (5. Mose 15). Ergänzende Texte verhinderten zudem den Missbrauch dieses Gesetzes. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet unter dem bewusst atheistischen Kanzler Schröder wurde in Deutschland 1999 die sogenannte Privatinsolvenz mit Restschuldbefreiung eingeführt, deren Anlehnung an das biblische Gebot unübersehbar ist...

Jeweils nach sieben Sabbatjahren, also im 50. Jahr (3. Mose 25), gab es zudem das sogenannte Erlass- oder Jubeljahr. Die Feldarbeit ruhte, Sklaven wurden befreit und gepfändete Grundstücke zurückgegeben. Selbst verkauftes Land außerhalb ummauerter Städte ging an seinen ursprünglichen Besitzer oder dessen Erben zurück. Ein ganze Reihe zusätzlicher Regelungen sicherte ab, dass dabei niemand unverschuldet in wirtschaftliche Not geriet. Auf diese Weise wurde ein zu großes Wohlstandsgefälle im Volk verhindert.

Biblische Kritik an unsozialem Verhalten

Doch auch damals schon fanden die Menschen Wege, trotzdem auf Kosten Schwächerer zu Reichtum und Macht zu gelangen. Die Bibel stellt daher nicht nur Gesetze auf, sondern verurteilt auch unsoziale Verhaltensweisen: Habgier, Missachtung der Rechte anderer Menschen, Horten oder Vernichten von Nahrungsüberschüssen sowie die Zurückbehaltung von Lohn. Den biblischen Übeltätern wird u. a. die plötzliche Vernichtung ihres Wohlstands prophezeit. Die Parallelen zum heutigen Turbo-Kapitalismus und der daraus entstandenen Wirtschaftskrise sind beängstigend deutlich.

Was moderne Banken mit der Bibel zu tun haben

Bezüge zur heutigen Zeit weist auch eine weitere Begebenheit der Bibel auf, welche Jesus im Matthäusevangelium (Matth. 18, 21-35) erzählt:

Ein Mann schuldete seinem König zehntausend Talente Silber (heute wären das ca. 45 Millionen Euro) und sollte aufgrund von Zahlungsunfähigkeit in die Sklaverei verkauft werden. Er bettelte jedoch solange um Gnade, bis der König ihn freigab und ihm sogar seine Schulden erließ! Gleich danach traf der selbe Mann einen Kollegen, welcher wiederum ihm etwas Geld schuldete. Die Summe betrug ganze einhundert Silbergroschen (heute ca. 50 Euro). Trotz aller Bitten des Kollegen ließ der Mann diesen in Schuldhaft nehmen, obwohl ihm selbst ja gerade eine riesige Kreditsumme erlassen worden war...

Der Vergleich liegt auf der Hand: Im Zuge der selbst verschuldeten Finanzkrise bekamen einige Banken vom Staat Milliarden geschenkt. Doch sie reichten diese nicht als Kredite weiter, sondern trieben stattdessen sogar noch alte Außenstände bei Privat- und Geschäftsleuten rigoros ein. Die Folge: Investitionen wurden blockiert, und die Zahl der Insolvenzen stieg deutlich an.

Ob die Beachtung biblischer Sozialordnungen eine solche Entwicklung des Wirtschaftslebens wohl verhindert hätte?

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