Der Brief an Philemon

Zwei Superlative zeichnen das biblische Buch Philemon aus: Unter allen Paulusbriefen ist es der kürzeste (eine Kapiteleinteilung entfällt) und zugleich der persönlichste. Als Absender werden Paulus und Timotheus genannt. Da in der Einleitung auch die Gefangenschaft des Paulus erwähnt wird, geht man zumeist von einer zeitlichen Nähe zu Epheser- und Kolosserbrief aus. Demnach wäre der Brief an Philemon zwischen den Jahren 60 und 64 entstanden. Diese Annahme wird gestützt durch die fast identische Aufzählung der Mitgefangenen des Paulus im Vergleich zum Kolosserbrief.

 

Der Adressat des Briefes

Zur Person des Empfängers lassen sich nur indirekt Rückschlüsse ziehen:

  • Aus dem Brief geht hervor, dass Philemon offenbar wohlhabend war.
  • Das Schreiben enthält zudem Grüße an einen gewissen Archipus, welcher dem Bibelleser auch im Kolosserbrief begegnet. Daraus wird als der Wohnort des Philemon die Stadt Kolossä abgeleitet.
  • Paulus selbst war jedoch nie in Kolossä, so dass die im Brief angedeutete, persönliche Bekehrung des Philemon durch den Apostel anderenorts stattgefunden haben muss. Möglicherweise geschah dies im nicht weit entfernten Ephesus.
  • Für die These, dass Philemon in Kolossä beheimatet war, spricht auch die Erwähnung eines weiteren Mannes, welcher die eigentliche Hauptperson des Philemon-Briefes ist: Der Sklave Onesimus. In Kolosser 4,9 wird genau dieser Onesimus als „einer der Euren“ bezeichnet. Sein Wohnort war also in Kolossä, womit zwangsläufig auch die Heimat seines Herrn Philemon feststeht…

 

Onesimus: Anlass des Briefes an Philemon    

Der Name des Sklaven Onesimus bedeutet soviel wie „der Nützliche“. Onesimus war allerdings nicht nur ein wertvoller Sklave, er war vor allem ein entlaufener Sklave! Seinen schmeichelhaften Namen erhielt er möglicherweise erst durch Paulus, denn in Vers 11 wird der Mann noch als „früher unnütz“ charakterisiert. Das dürfte sich vermutlich eher auf das Verhalten des Sklaven als auf seine tatsächlichen Fähigkeiten beziehen.

Auf seiner Flucht begegnete Onesimus offenbar dem Apostel Paulus. Vielleicht kannte er ihn auch schon durch die Bekehrung seines Herrn Philemon und erhoffte sich nun Hilfe. Wie dem auch sei, Paulus brachte dem entlaufenen Sklaven die christliche Botschaft nahe und gewann dadurch einen fähigen Mitarbeiter für die Mission. Allerdings wollte der Apostel nicht unaufrichtig gegen Philemon handeln. Er schrieb daher einen Bittbrief an Philemon: Dieser sollte Onesimus nicht nur vergeben, sondern ihn künftig auch als Glaubensbruder betrachten – was im Endeffekt die Freilassung bedeutete. Paulus schrieb, dass er wohl das Recht hätte, diese Handlungsweise einzufordern. Ihm sei es aber daran gelegen, dass Philemon aus Nächstenliebe so handelte. Das Vertrauen des Apostels in Philemons Reaktion sowie in die Rechtschaffenheit des Sklaven muss sehr groß gewesen sein: Denn der Überbringer des Briefes war Onesimus selbst!

Zunächst scheint es, als ob dadurch vor allem Philemon ein Schaden entstehen würde. Doch da er Onesimus in seinen Haushalt aufnehmen sollte, hätten ihm dessen Fähigkeiten auch weiter zur Verfügung gestanden. Paulus hingegen verlor somit einen geschätzten Mitarbeiter und bot dem Philemon darüber hinaus an, Schäden zu begleichen, die Onesimus eventuell früher verursacht habe. In dieser Hinsicht ist der Brief an Philemon trotz seiner Kürze geradezu ein Paradebeispiel der christlichen Nächstenliebe und Selbstlosigkeit. Er stellt die praktische Anwendung dessen dar, was Paulus in anderen Briefen zu diesen Themen wortreich erläutert.

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