Der Brief des Judas

Das vorletzte Buch der Bibel wurde von einem Mann namens Judas verfasst, der sich selbst als der Bruder des Jakobus vorstellt. In der Regel wird davon ausgegangen, dass dieser Bruder der Verfasser des Jakobusbriefes war. Weil die Kirchenväter den Judasbrief im biblischen Kanon als unmittelbaren Nachfolger des Jakobusbriefes platzierten, liegt dieser Gedanke natürlich nahe. Ein wesentlich stärkeres Indiz ist allerdings die nahezu gleichlautende Selbstvorstellung beider Autoren: Jakobus nennt sich einen Knecht Gottes, Judas stellt sich als Knecht Christi vor.

Wenn man bei Jakobus (wie häufig bejaht) davon ausgeht, er sei ein Bruder von Jesus Christus gewesen, trifft dies demnach zwangsläufig auch auf Judas zu. Im Johannesevangelium (Kapitel 7, Vers 5) wird erwähnt, dass die Brüder des Erlösers nicht an diesen glaubten. Selbst am Kreuz übertrug Jesus ja die Verantwortung für seine Mutter Maria nicht seinen Brüdern (Johannesevangelium Kapitel 19, Verse 26-27), was eigentlich naheliegend gewesen wäre. Erst nach der Himmelfahrt wurden diese Brüder aktive Angehörige der christlichen Urgemeinde (Apostelgeschichte 1,14). Dies könnte erklären, warum sich beide nicht als Brüder des Erlösers vorstellten, möglicherweise aus Scham über ihren früheren Unglauben.

Inhaltlich setzt der Judasbrief keine eigenen Akzente. Mit deutlichen Parallelen zum 2. Petrusbrief, Kapitel 2, geht es um Warnungen vor Irrlehrern. Seine Beschreibung ungläubiger oder scheinheiliger Menschen ist auch heute noch aktuell: Sie verspotten Gott, weil seine Existenz ihr Begreifen übersteigt. Sie verachten jegliche Autorität und leben lieber nach dem Lustprinzip, an dem sich ihre Moral in ständigem Wandel ausrichtet. Das Ergebnis besteht aus Habgier, Aufruhr und Mord. Judas warnt allerdings gleichermaßen davor, solche Leute zu verurteilen. Vielmehr fordert er dazu auf, sich auch um Menschen zu kümmern, die durch ihr Verhalten ins Unglück geraten sind.

Der Judasbrief weist stilistisch einige interessante Merkmale auf: Er gehört zur Gruppe der so genannten katholischen (allgemeinen) Briefe, ist also an keinen bestimmten Adressaten gerichtet. Zudem verfügt er zwar über je eine kurze Einleitungs- und Schlussformel. Dennoch fehlen die Kennzeichen eines echten Briefes wie Grüße oder persönliche Hinweise. Auch in dieser Hinsicht gleichen sich die Schreiben von Judas und Jakobus. Außerdem ist der Judasbrief recht kurz. Er gehört zu den wenigen biblischen Büchern, die ohne Kapitelzählung auskommen. Letztendlich verweist der Judasbrief noch auf zwei Ereignisse aus der Zeit des Alten Testaments, welche aber nicht in der Bibel erwähnt werden, sondern nur in so genannten apokryphen Schriften:

  • Der Streit um den Leichnam des Moses
  • Die Henoch-Weissagung

Das erste Ereignis soll laut kirchlicher Tradition in der Himmelfahrt des Moses aufgezeichnet sein. Die überlieferten Spät-Abschriften dieses Buches enthalten dazu jedoch nichts. Die Henoch-Weissagung wiederum, welche der Judasbrief zitiert, entstammt dem äthiopischen Henochbuch.

 

  

 

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